Zum Terror gegen Charly Hebdo: Abscheu. Betroffenheit. Und jetzt?

WER DIE EMOTIONEN DEN DEMAGOGEN ÜBERLÄSST UND DIE VERNUNFT DEN TECHNOKRATEN, WIRD VERLIEREN !

Gerald Bast zum Terror in Paris, 11. Januar 2015

 

Ehemals waren Bildung, Wissenschaft und Kunst die Wegbereiter der Europäischen Aufklärung. Jene Aufklärung, die Werte wie Meinungsfreiheit, Trennung von Religion und Staat und Toleranz hervorbrachte. Für die Europäische Union heute bezweckt Bildung die Herstellung von „employability“ und die wichtigste Aufgabe der Universitäten liegt für die EU darin, Europa zur „most competitive and dynamic knowledge-based economy in the world“ (EU Commission - The role of the universities in the Europe of knowledge - COM/2003/0058final - CELEX:52003DC0058) zu machen. Kunst und Kultur wird nur unter dem Aspekt der „Creative Economy“ Platz eingeräumt

 

Während gerade in den letzten Tagen vermehrt von „abendländischen Werten“ wie Demokratie, Aufklärung, Toleranz und Meinungsfreiheit gesprochen wird, entlassen die europäischen Bildungssysteme in zunehmender Anzahl frustrierte Personen, die mit eben diesen Werten im günstigsten Fall nichts anfangen können oder sie im schlechtesten Fall mit Gewalt bekämpfen.

Jetzt, da dieser Kampf auch im Herzen Europas seine grauenhafte Fratze zeigt, sollte doch langsam klar werden, dass die Fixierung der EU auf eine Wirtschafts- und Agrarunion in eine Sackgasse führt. Eine Sackgasse, an deren Ende die Mauer steht, gegen die das Projekt Europa mitsamt den „abendländischen Werten“ gefahren wird.

Jetzt, da verzweifelt gefragt wird, wie es soweit kommen konnte, dass in Europa ausgebildete und aufgewachsene Bürger mit den Worten „Gott ist groß“ Journalisten und Karikaturisten abschlachten, sollte die mit dem Mantra „MINT“ (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gepredigte bildungspolitische Doktrin , Schulen und Universitäten als Zulieferbetriebe für die Wirtschaft zu sehen, als gefährlicher Irrweg erkannt und verworfen werden .

 

Nach all den feierlichen  politischen Bekenntnissen der letzten Tage zu Freiheit, Demokratie und Toleranz sind jetzt Taten gefragt. Nach dem Verlesen von historischen literarischen Manifesten durch KünstlerInnen am Wiener Ballhausplatz in Anwesenheit von Präsident und Regierung brauchen wir jetzt neue Rahmenbedingungen für aktuelle künstlerische und wissenschaftliche Beiträge zur Stimulierung des gesellschaftlichen  Wertediskurses auf Seiten der Aufklärung.

 

Nicht dass Kunst und Kultur die EU retten könnten, aber gerade jetzt ist es hoch an der Zeit, das Wagnis wert, Kunst - und die seit Jahrzehnten in die Krise geredeten Geisteswissenschaften - als Instrumente der Aufklärung, der Toleranz und der geistigen Offenheit zu sehen und entsprechend zu handeln. Konkret bedeutet dies, einen radikalen Umbau der  europäischen Bildungssysteme auf allen Ebenen zu wagen:  Die signifikante Stärkung von Kunst und Geisteswissenschaften als Bildungsinhalte in Schulen und Universitäten verankern und die Integration von künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Bildungsinhalten in technische und ökonomische Bildungszweige ernsthaft betreiben. Aufklärung, Toleranz und Menschenrechte werden zu den wichtigsten und zu gelebten Bildungszielen.  

 

Kunst und Geisteswissenschaften verändern nicht die Welt. Aber Kunst und Geisteswissenschaften generieren und transportieren Werte, die Menschen beeinflussen. Und es sind die Menschen, die unsere Welt verändern.